jurgen

Das Raubtier

 

 

Das ist die Geschichte des Jürgen Bartsch, der als Kleinkind »Goldjunge« genannt wurde

und zwanzig Jahre später sich selbst als Raubtier bezeichnete. Ein liebenswertes, sanftes,

braves Kind, das zu einem grausamen Serienmörder wird – das Rätsel dieses Verfalls

kann wohl beschrieben, aber kaum begreiflich gemacht werden.

 

Der 8. Mai 1966 ist Muttertag. An diesem Sonntag will die Fleischersfrau Bartsch aus Lan-

genberg, einem Ort zwischen Essen und Wuppertal, ihre Mutter besuchen. Zusammen

mit ihrem zwanzigjährigen Adoptivsohn Jürgen fährt sie mit dem Wagen nach Essen,

wo ihre Mutter wohnt. Jürgen ist ein kräftiger junger Mann mit dunklem Haar, dichten

Augenbrauen und melancholischem Blick.

 

Er begleitet seine Adoptivmutter gern zu ihrer Mutter, denn er hat als Kind jahrelang bei

der Großmutter gelebt.

 

Nach dem Nachmittagskaffee erklärt Jürgen, er wolle ins Kino gehen. Gegen 20 Uhr wer-

de er wieder da sein, um mit der Mutter nach Langenberg heimzufahren.

 

Aber Jürgen hat nicht die Absicht, sich ins Kino zu setzen. Als er an den Anschlagsäu-

len gelesen hatte, daß heute in Essen-Schonnebeck eine Kirmes stattfindet, stand für ihn

sofort fest, dort sein Vergnügen zu suchen.

 

Vor neun Monaten, im August vergangenen Jahres, hatte er zum letzten Mal eine Kir-

mes besucht. Doch als dann alle Zeitungen sein Foto veröffentlichten – es zeigte, wie er

mit einem Jungen im Auto-Scooter fuhr –, hatte er es nicht mehr gewagt, sich auf einem



Das Raubtier


 

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Rummelplatz zu zeigen. Aber heute wird ihn nichts und niemand davon abhalten, sich

ins Menschengewimmel zu mischen und einen Jungen aufzureißen.

 

Aufzureißen. Er lächelt vor sich hin. Aufreißen, das trifft es genau, wörtlich sozusagen.

Jürgen, der Aufreißer.

 

Er winkt einem Taxi zu, steigt aber schon ein ganzes Stück vor dem Kirmesplatz aus.

Vorsicht ist geboten, der Taxifahrer könnte sich später an ihn erinnern.

 

Stunden vergehen, angenehme Stunden des Witterns, des Anschleichens, des Absicherns.

Genuß schon an sich. Dann, im Gedränge am Auto-Scooter, erblickt er vier Jungen, die

allein zu sein scheinen. Er schätzt sie auf sechs bis sieben Jahre. Aber das wird nichts,

die sind mir zu jung. Babys fast noch. Er sieht sie nackt vor sich. Schöne zarte Haut zwar,

doch für meine Zwecke noch nicht zu gebrauchen. Weitergehen, weitersuchen, ermuntert

er sich, heute muß es klappen, ich werde sonst wahnsinnig. Es-muß-heute-klappen!

 

Da tritt noch ein Junge zu den vier Freunden. Zwölf könnte er sein. Bartsch spürt freudige

Wallung. Der und kein anderer. Jetzt nicht zögern.

 

Er geht zur Kasse, kauft eine Handvoll Chips. Schlendert hin zu den fünf Jungen und

stellt sich neben den ältesten. Fragt freundlich, ob sie gern Auto-Scooter fahren. Blöde

Frage, natürlich würden sie gern fahren, sie haben aber kein Geld mehr. Bartsch verteilt

die Chips an die vier kleinen Jungen. Den Zwölfjährigen lädt er ein, zusammen mit ihm

zu fahren.

 

Der Junge heißt Manfred Graßmann und ist elf Jahre. Er wirkt gutmütig und gutgläubig.

Bartsch spürt, mit dem wird er leichtes Spiel haben. Nach mehreren Runden verlassen

sie die Fahrbahn. Mit geheimnisvoller Stimme vertraut Bartsch dem Jungen an, er sei De-

tektiv und brauche seine Hilfe. Dafür wolle er ihm fünfzig Mark geben. Er läßt Manfred

den Geldschein sehen, und Manfred sagt begeistert zu. Bartsch fordert ihn auf, den an-

deren Jungen – zwei von ihnen sind seine jüngeren Brüder – nichts zu verraten. Als die

vier dann heimkehren wollen und Manfred auffordern, mit ihnen zu kommen, sagt er, er

wolle noch etwas bei dem »Onkel« bleiben.

 

Nun allein mit Manfred, erklärt Bartsch, jetzt beginne das Abenteuer. Zuerst begeben

sich beide in eine Gaststätte. Während Manfred eine Limonade trinkt, bestellt Bartsch

telefonisch ein Taxi.

 

Sie lassen sich in einen Essener Vorort bringen. Dort steigen sie aus und nehmen ein an-

deres Taxi. »Damit unsere Verfolger unsere Spur verlieren!« flüstert Bartsch dem Jungen

zu. Als Ziel gibt Bartsch Langenberg-Bonsfeld an.

 

Auf der Fahrt zeigt sich Bartsch schweigsam. Manfred respektiert das, schließlich sind

sie in geheimer Mission unterwegs. Während sie durch die abendlichen Straßen fahren,

gibt sich Bartsch angenehmen Vorstellungen hin – Erinnerungen an seine letzte Tat vor

einem Dreivierteljahr. Auch damals hatte er sein Opfer auf einer Kirmes gefunden: den



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4. Die Triebtäter


 

 

 

zwölfjährigen Ulrich Kahlweiß. Der Name hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Vom

Bildschirm, von Plakaten, aus den Zeitungen hatte ihn der Name des vermißten Jungen

immer wieder angesprungen. Und mit ihm sein eigenes Bild. Irgend jemand hatte ihn

zufällig gefilmt, als er mit Ulrich Auto-Scooter fuhr. Längst war sich die Polizei klar, daß

Ulrich Kahlweiß ermordet worden war.

 

Wer aber war der junge Mann, der neben ihm im Auto gesessen hatte? Der Mörder?

Es waren aufregende Wochen für Bartsch. Der ganze Filmausschnitt wurde mehrmals

im Fernsehen und in den Lichtspieltheatern gezeigt. Selbst im eigenen Briefkasten fand

Bartsch eine Postwurfsendung mit seinem Konterfei und seiner Personenbeschreibung.

Von allen Anschlagsäulen blickte ihn sein Fahndungsfoto an. Verschwommen glückli-

cherweise, unscharf, das war seine Rettung. Niemand erkannte ihn wieder, nicht seine

Eltern, nicht sein Freund. Wochen, Monate vergingen, die Bilder verschwanden und mit

ihnen das öffentliche Interesse. Neue Verbrechen verdrängten die Erinnerung an Ulrich

Kahlweiß, der noch immer unentdeckt in seinem Grab liegt. Und noch heute abend wird

er einen Nachbarn erhalten. Meinen Gesamtplan, denkt Bartsch zufrieden, realisiere ich

von Mal zu Mal besser. Seit fünf Jahren sucht er diesen Plan durch immer neue erregen-

de Einzelheiten zu vervollkommnen. So wie ein Maler das Gemälde zuerst in Umrissen

entwirft und vom Prozeß der Schöpfung zu immer reicheren Details angeregt wird, so

hat Bartschs Phantasie im Laufe der Jahre das ursprünglich grobe Handlungsmuster ver-

feinert und die Handlung selbst wiederum seine Phantasie beflügelt. Und er drang in

eine neue, nie gekannte Welt vor: in die Welt höchster Lust. Der Eingang in diese Welt

bleibt anderen Menschen verborgen, nur er kennt das Tor. Es heißt: Macht. Macht durch

Gewalt gegen Machtlose. Er hat es erprobt, und das Tor hat sich geöffnet. Er ist mächtiger

gewesen als seine Opfer, weil er sie sorgfältig ausgewählt hat. Sie müssen ihm körperlich

unterlegen sein. Sie müssen jünger sein als er, aber auch nicht zu jung. Sie sollen noch eine

zarte Haut haben, aber ihre Genitalien sollen schon entwickelt sein und ihn in Erregung

versetzen.

 

Sein erstes Opfer entsprach diesem Ideal noch nicht, der Junge war erst acht Jahre alt. Die

beiden nächsten Opfer waren dreizehn, das ist das Alter, das er am meisten schätzt. Der

neben ihm, dieser Manfred, bleibt auch noch ein wenig hinter seiner Wunschvorstellung

zurück, aber er wird das Beste daraus machen. . .

 

Bartsch tastet nach seiner Umhängetasche. Was er braucht, ist darin: das Messer, die Ra-

sierklingen, Stricke, Zündhölzer, Kerzen. Es wird alles nach Plan verlaufen.

 

Auch jetzt, als das Taxi sie in Langenberg-Bonsfeld absetzt, handelt Bartsch nach bewähr-

tem Muster. Er bestellt erneut ein Taxi, das ihn in einer halben Stunde hier abholen soll.

 

Er nimmt Manfred an der Hand. »Jetzt wird es ernst, Manfred. Jetzt kommt gleich der

große Augenblick.«

 

»Was denn?« fragt der Junge ebenso gespannt wie arglos.



Das Raubtier

 

 

 

»Wir müssen etwas suchen, das die Verbrecher versteckt haben.«

 

»Einen Schatz?«

 

»Geld. Geldräuber haben es hier vergraben. Wir müssen es finden.«


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Mit Bäumen und Gesträuch bewachsenes Felsgestein zieht sich am Rand der Straße ent-

lang. Vor einem Loch im Schiefergestein hält Bartsch an. »Wir gehen jetzt in eine Höhle

hinein. Sie stammt noch aus der Kriegszeit. War mal ein Luftschutzbunker.«

 

»Luftschutzbunker?« fragt Manfred verständnislos. »Wenn feindliche Flieger ins Ruhrge-

biet einflogen, flüchteten die Bewohner Langenbergs in den Stollen. Da waren sie sicher

vor Bomben, verstehst du?«

 

Der Stolleneingang ist kaum einen Meter hoch. Bartsch schiebt Manfred in die Öffnung

hinein und folgt ihm.

 

»Das ist aber finster«, flüstert Manfred.

 

Bartsch entzündet eine Kerze und geht voran. Manfred hält sich, wenn auch etwas zö-

gernd jetzt, dicht hinter ihm.

 

»Angst?«

 

Der Junge verneint tapfer. Aber etwas umheimlich ist ihm schon zumute. Der aus dem

Schiefergestein herausgesprengte Stollen ist niedrig und wirkt mit seinen Kanten und

Nischen bizarr. Steinbrocken versperren mehrmals den Weg.

 

Bartsch hastet wie blind vorwärts. Er ist jetzt nicht mehr in diesem verfallenen Bunker. Er

ist in die andere Welt eingedrungen, die wie ein Horrorfilm vor ihm abzulaufen beginnt,

in zerfetzten ekstatischen Bildern. Und die wollen nicht Bild bleiben, die wollen wirklich

werden, lebendig, greifbar. Bartschs Schritte werden immer schneller, Manfred kann ihm

kaum folgen. Bald öffnen sich die Wände, ein Seitenstollen zweigt hier ab.

 

Bartsch bleibt stehen und stellt die Kerze auf einen Felsvorsprung.

 

Manfred atmet auf, endlich sind sie am Ziel.

 

»Zieh dich aus!« fordert Bartsch.

 

Manfred blickt ihn erstaunt an: »Warum denn?« »Ausziehen!« brüllt Bartsch. Seine Au-

gen glitzern kalt.

 

Noch glaubt der Junge, das gehöre vielleicht zu seinem Auftrag, das Geldversteck zu

suchen. »Aber es ist so kalt«, wendet er ein.

 

Bartsch schlägt ihm die Faust ins Gesicht. Manfred schreit auf, taumelt. Bartsch reißt ihm

die Jacke herunter, das Hemd, die Hose, trommelt mit den Fäusten auf Manfred ein, bis

das Kind zusammenbricht. Zieht ihm dann auch Schuhe und Strümpfe aus. Hebt den

Fuß, tritt gegen den nackten Körper, gegen Brust und Bauch und an den Kopf.



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4. Die Triebtäter


 

 

 

Manfred wimmert erstickt, ruft nach seiner Mutter. Und weiß nicht, daß seine Schmer-

zenslaute die Vernichtungswut seines Peinigers noch steigern. Ein Trommelfeuer von

Tritten prasselt auf ihn nieder.

 

Dann läßt Bartsch plötzlich von seinem Opfer ab und bindet ihm mit einem Strick die

Hände zusammen. Hastig wirft er nun selbst seine Kleidung ab, wälzt sich auf den Bauch

des Jungen, wendet das blutige Bündel um und versucht Afterverkehr. Das mißlingt. Er

dreht sein Opfer wieder auf den Rücken und mißhandelt seine Genitalien.

 

Denkt plötzlich: Eine halbe Stunde vorbei. Das Taxi wartet.

 

Er kleidet sich an, fesselt Manfreds Beine, bindet ihn an einem Balken fest und verläßt

den Stollen. Der Taxifahrer erwartet ihn schon. »Bißchen spät dran, Jürgen«, sagt er. Er

kennt Jürgen, das ist doch der Sohn des Fleischermeisters aus dem gleichen Ort.

 

»Wohin, Jürgen?«

 

»Nach Essen, zur Großmutter. Beeilen Sie sich bitte.« »Immer mit der Ruhe, Jürgen.« Wäh-

rend der Fahrt bittet Bartsch den Fahrer um einen Lappen, seine Schuhe sind schmutzig.

»Bin durch den Wald gelaufen.«

 

Gegen 21 Uhr, eine Stunde später als versprochen, trifft Bartsch bei Mutter und Groß-

mutter ein. Vorwurfsvolle Fragen beantwortet er mit eleganten Lügen. Die Mutter drängt

zur Heimkehr. In seinem Wagen fährt Bartsch mit der Mutter nach Hause. Er geht bald

zu Bett und stellt zuvor den Wecker ein, der ihn gegen Mitternacht ruft. Bartsch kleidet

sich an, verläßt unbemerkt das Haus und geht zum Stollen, leichtfüßig, frohe Erwartung

beflügelt ihn. Er wird seinen Plan zu einem grandiosen Ende bringen.

 

Er kriecht durch den Eingang und entzündet wieder eine Kerze. Als er bei seinem Op-

fer ankommt, sieht er befriedigt, daß es noch lebt. Vor Kälte zitternd, voller Schmerzen

wimmernd, fleht Manfred, ihn doch endlich freizulassen.

 

Ja, antwortet Bartsch, er werde ihn jetzt freilassen. Wieder entkleidet er sich, blickt ernst

auf sein Opfer hinab und entzündet mehrere Kerzen, die er auf eine Felskante stellt.

 

»Romantisch, nicht wahr?« ruft er entzückt. Er löst Manfreds Fesseln und befiehlt ihm,

aufzustehen. Der Junge erhebt sich taumelnd. Bartsch richtet ein Schlachtermesser auf

seine Brust und fordert, daß Manfred vor seinen Augen hin und her laufe und tanze.

Schlägt plötzlich wieder auf ihn ein, schleudert ihn zu Boden. Durchtrennt ihm mit dem

Messer die Sehne des linken Kniegelenks. Vergeblich versucht Manfred sich zu erheben

und davonzulaufen. Bartsch belustigt sich an seiner Hilflosigkeit. Das Wimmern des Kin-

des erregt ihn, er sticht ihm das Messer tief in den Rücken. Treibt ihn mit Schlägen erneut

empor, bis er tot zusammenbricht.

 

Bartsch starrt auf die Leiche im Flackerschein der Kerzen. Er nimmt erneut das Schlach-

termesser, setzt die Spitze am Hals des Toten an und schneidet am Brustbein entlang erst



Das Raubtier


 

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den Brustkorb auf, dann den Bauch bis hinunter zum Schambein. Gewaltsam reißt er

den zertrennten Leib auseinander, zerrt die Lunge heraus, das Herz, die Därme. Wendet

sich dann den Genitalien zu, fühlt neue schwellende Spannung. Zerschneidet Penis und

Scrotum und onaniert dabei in rauschhafter Raserei.

 

Noch einmal betrachtet er sein Werk, füllt dann die herausgerissenen Organe wieder in

die Leibeshöhle, zieht die Leiche in den Seitenstollen und bedeckt sie mit Geröll.

 

Er hat seinen Gesamtplan ohne Störung verwirklicht. Als er die Höhle verläßt und zu

Hause ankommt, ist es drei Uhr. Im Badezimmer reinigt er sich, legt sich zu Bett und

schläft sofort ein.

 

In den nächsten Wochen verfolgt Bartsch gespannt, wie die Jagd nach ihm erneut be-

ginnt. Die Polizei hat nun einen Zusammenhang zwischen seinen beiden letzten Morden

erkannt. Wiederum erscheint das Bild, das bereits nach dem Verschwinden von Ulrich

Kahlweiß veröffentlicht worden war, in Zeitungen, auf Plakaten, im Fernsehen. Wieder-

um kann er sich selber auf einem der Hunderttausende von Handzetteln betrachten, die

in diesen Tagen im Ruhrgebiet verteilt werden.

 

Tag um Tag vergeht. Bartschs Angst, er könnte doch noch identifiziert werden, schwin-

det allmählich. Niemand verdächtigt ihn. Niemand kennt das Grab seiner Opfer. Er ist

zu schlau gewesen, zu vorsichtig, und wenn er im Laden des Vaters Fleisch und Wurst

verkauft, ist er zu höflich, zu freundlich, als daß ihn jemand für einen Kindermörder hal-

ten könnte. Leichtsinnig will er aber trotzdem nicht werden und mit dem nächsten Mord

warten. Er befriedigt sich bei seinen zwei Freunden, denen er jedesmal fünfzig Mark für

ihre Dienstleistung bezahlt.

 

Sechs Wochen später schon hat er die homosexuelle Routine satt, es drängt ihn nach neu-

em blutigem Reiz. Natürlich, so sagt sich Bartsch, dürfen auch die Morde nicht zur Rou-

tine werden, das würde auf die Dauer langweilig und verminderte das Vergnügen. Ich

sollte die Jungen nicht erst ausweiden, wenn sie schon tot sind. Sollte sie bei noch lebendi-

gem Leibe aufschneiden. Nicht zu tief am Anfang, damit sie mir nicht gleich wegsterben.

Ja, bei lebendigem Leib! Noch mehr Angst unter meinen Händen, noch mehr Stöhnen

und Geschrei. Und ich der Allmächtige. Das wäre echt geil.

 

Vorgestellt, vorgenommen. Am Sonnabend, dem 18. Juni 1966, streift Bartsch durch Wup-

pertal-Elberfeld auf der Suche nach einem Opfer.

 

Es beginnt heftig zu regnen. Schon fürchtet er, sein Vorhaben könnte scheitern. Da er-

blickt er in einem Hauseingang einen Jungen, der sich hier zum Schutz vor dem Regen

untergestellt hat. Bartsch bleibt neben ihm stehen, taxiert ihn. Genau der richtige, stellt er

zufrieden fest. Der Junge wird etwa vierzehn sein. Sieht ihn nackt und gefesselt vor sich

liegen. . .

 

Kein Zurück mehr nun, die erektierende Vorstellung fordert Verwirklichung.



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4. Die Triebtäter


 

 

 

Ein Gespräch ist schnell begonnen. Bartsch sagt, er sei Versicherungsdetektiv und auf der

Suche nach Diamanten, die ein Betrüger versteckt habe. Wenn ihm der Junge dabei helfe,

würde er ihm fünfzig Mark dafür zahlen. Für Peter Freese, so heißt der Fünfzehnjährige,

sind fünfzig Mark viel Geld. Bereitwillig sagt er zu.

 

In einer Gaststätte spendiert ihm Bartsch einen Imbiß und bestellt währenddem ein Taxi.

Auch diesmal wechselt er unterwegs wieder den Mietwagen und läßt sich mit seinem

Opfer nahe dem Stolleneingang absetzen.

 

Hier, so erklärt Bartsch, seien die Diamanten verborgen.

 

Im Kerzenschein führt Bartsch den Jungen bis zur Einmündung des Seitenstollens. Auch

wenn Bartsch heute einen noch grausameren Horrorfilm verwirklichen will als bisher –

der Anfang wiederholt sich nach bewährtem Muster. Bartsch zwingt Peter mit Schlägen

und Fußtritten, sich zu entkleiden, reißt ihm in der Erregung die Unterwäsche vom Leib,

wirft ihn nieder, würgt ihn, tritt ihm in die Hoden, versucht – wiederum vergeblich –

Afterverkehr, dreht ihm Arme und Beine nach hinten und fesselt sie aneinander. Mit

eingebogenem Rücken liegt Peter wehrlos auf dem Boden. Bartsch versetzt ihm erneut

Tritte und Schläge und onaniert dabei.

 

Für den Augenblick befriedigt, unterbricht Bartsch die Folter. Er verläßt sein Opfer und

kündigt ihm an, wenn er nachts zurückkehre, werde er ihn töten. In der Erwartung, heute

nacht den Höhepunkt der Schlächterei vor sich zu haben, kehrt er heim. Er ißt mit den

Eltern Abendbrot und sieht sich einen Fernsehfilm an. Dann stellt er den Wecker ein und

legt sich zur Ruhe.

 

Pünktlich um Mitternacht geweckt, schleicht er sich zum Stollen, entzündet eine Kerze

und eilt zu seinem Opfer, das er noch lebend vorzufinden hofft. Er will es ja lebend auf-

schneiden.

 

An der Einmündung des Seitenstollens angelangt, stellt er bestürzt fest, daß der Junge

verschwunden ist. Wütend und voller Angst durchstreift er die Gänge der Höhle – ver-

gebens. Peter ist entkommen.

 

Bald nachdem Bartsch Peter Freese gefesselt zurückgelassen hatte, hatte der Junge trotz

seiner Schmerzen noch die Kraft gehabt, sich bis zur Kerze hinzuwälzen und an ih-

rer Flamme das Verbindungsseil zwischen den Fuß- und Handfesseln durchzubrennen.

Auch die Fußfesseln hatte er auf diese Weise gelöst, die Hände jedoch nicht befreien kön-

nen. Mühsam hatte er sich erhoben, sich die Hose angezogen und die Höhle verlassen.

 

Halbnackt, mit gefesselten Händen, war er ins nächste Haus gegangen und hatte um Hilfe

gebeten.

 

Die Leute benachrichtigten die Polizei. Anfangs wollen die Polizisten nicht glauben, was

ihnen Peter erzählt. Sie vermuten einen Streit zwischen Homosexuellen. Aber die zahlrei-

chen Verletzungen – Unterblutungen an Kopf, Schultern, Gliedmaßen – und die Brand-



Das Raubtier


 

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wunden an den Händen überzeugen sie schließlich von seiner Geschichte. Freese wird

ins Krankenhaus gebracht und am nächsten Tag erneut vernommen.

 

Auch die Kriminalbeamten nehmen Freeses Bericht anfangs skeptisch auf. Er erbietet

sich, mit ihnen zum Tatort zu gehen. Die Kriminalisten sind nun bereit, die Höhle zu

besichtigen.

 

Im Schein einer Taschenlampe betreten sie den Stollen. Schon die ersten Entdeckungen

sind alarmierend: ein halbverwester menschlicher Finger, Knochen, Kinderschuhe, unter

einem Balken Teile einer Kinderleiche.

 

Eine Sonderkommission der Mordkommission Essen, die noch immer über den vor Wo-

chen verschwundenen Manfred Graßmann ermittelt, übernimmt noch am selben Abend

die weitere Untersuchung. Die Stollenanlage wird gründlich überprüft und in den näch-

sten Tagen der Boden Meter um Meter umgegraben.

 

Gefunden werden die Überreste von vier Kinderleichen, versteckt unter Balken, Schiefer-

geröll und Erde.

 

Der Rechtsmediziner Prof. Dr. Reh und der Dentologe Dr. Schübel übernehmen die

schwierige Aufgabe, die Leichen zu identifizieren. In ihrem Bericht heißt es u. a.:

 

»Eine teils zerstückelte und ausgeweidete Kinderleiche in stark verfaultem und von Flie-

genmaden zerfressenem Zustand. . . Die Leiche völlig unkenntlich. . . Die Bekleidungs-

stücke noch in der gleichen Nacht von den Eltern als die des seit sechs Wochen vermißten

Manfred Graßmann anerkannt. . . Das Gebiß identifizierte der behandelnde Zahnarzt.«

Die Todesursache sei nicht mehr sicher feststellbar. Die Leiche sei nach dem Tode mit

einem scharfen Werkzeug zerstückelt worden. »Im Grundwasser einer zugeschaufelten

Grube. . . Teile von zwei zerstückelten, übereinander geschichteten Leichen gefunden.« Es

sind die Leichen der ein Jahr zuvor ermordeten Jungen Ulrich Kahlweiß (12) und Rudolf

Fuchs (13). Eine vierte Leiche, vollständig skelettiert, gehört einem jüngeren Kind. Es

wird als der achtjährige Klaus Jung identifiziert, der bereits vor vier Jahren verschwun-

den war.

 

Kriminaloberrat Günther Bauer berichtet: »An Hand der Leichen- und Bekleidungsre-

ste konnte festgestellt werden, daß in dem Stollen vier Kinder getötet worden waren. Es

waren dies die Kinder, die in den Jahren von 1962 bis 1966 von Kirmesplätzen – in ei-

nem Fall während einer Reise – verschwunden waren und über deren Verbleib trotz aller

in großem Rahmen durchgeführten Ermittlungsmaßnahmen nichts festgestellt werden

konnte.«

 

Die Kriminalhauptstelle Düsseldorf übernimmt unter Leitung von Kriminalhauptkom-

missar Hinrichs die weitere Ermittlung.

 

Noch hat die Mordkommission keinen Verdächtigen. Alle Spuren, alle Hinweise aus der

Bevölkerung, die die Polizei bei der Untersuchung der früheren Vermißtenfälle erhielt,



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4. Die Triebtäter


 

 

 

hatten sich als nutzlos erwiesen und waren auch jetzt nicht brauchbar. So scheint die

Kripo vor einer wahren Sisyphusarbeit zu stehen.

 

Aber bereits zwei Tage nach dem Leichenfund präsentiert ein Bürger aus Langenberg

der Polizei den Mörder mit Namen und Adresse. Der Mann hatte die Presseberichte über

die Bluttaten im Langenberger Luftschutzstollen gelesen, ebenso die Aussage des Peter

Freese, der dem Mörder entkommen war. Auch bei seinem eigenen Sohn Frank hatte

diese Höhle einmal eine Rolle gespielt. Das war vor fünf Jahren gewesen, sein Sohn war

damals elf und vom vierzehnjährigen Sohn des Fleischermeisters Bartsch in die Höhle

gelockt worden. Bartsch hatte versprochen, ihm eine Wehrmachtspistole zu schenken,

die er im Stollen gefunden habe. Bartsch hatte dann eine Kerze entzündet, ihn mit einer

Schreckschußpistole bedroht, geschlagen und gezwungen, sich zu entkleiden. Er hatte

sich darauf an dem Jungen sexuell vergangen und ihm befohlen, nichts zu verraten, sonst

würde er ihn töten. Frank hatte seinen Eltern trotzdem erzählt, was ihm widerfahren war,

doch aus Scham die sexuelle Mißhandlung verschwiegen. Franks Vater hatte der Polizei

den Vorfall angezeigt, die Polizei hatte jedoch die Ermittlung eingestellt, weil Bartsch

behauptete, es sei nur eine harmlose Balgerei gewesen.

 

An all das erinnert sich Franks Vater, als er die Berichte über das Geschehen im Luft-

schutzstollen liest. Er teilt der Polizei seinen Verdacht mit, der gesuchte Mörder könnte

Jürgen Bartsch aus Langenberg sein. Da Franks ehemalige Aussage aktenkundig gewor-

den und eine gewisse Übereinstimmung mit der Aussage Freeses unverkennbar war, geht

die Mordkommission dem Verdacht nach. Sie vernimmt Bartsch.

 

Nach anfänglichem Leugnen gesteht Bartsch, vier Jungen ermordet zu haben. »Wohl nur

in ganz seltenen Fällen der Kriminalgeschichte«, bemerkte dazu Kriminaloberrat Bauer,

»gab es einen Täter, der nunmehr so rückhaltlos über seine Taten, seine Gedanken, seine

Motive und seine Pläne sich offenbarte.«

 

Ganz so selten ist die Geständnisbereitschaft eines Täters allerdings nicht, zumindest

nicht bei den Lustmördern. Der gleiche Drang nach Selbstdarstellung findet sich bei Dah-

mer, bei Kürten, bei Tschikatilo. Wenn sie über ihre Taten berichten, genießen sie noch

einmal die Lust, die sie dabei empfunden hatten. Da die meisten Triebtäter ein gestör-

tes Selbstwertgefühl haben, bereitet es ihnen eine perverse Befriedigung, als Ungeheu-

er – so hoffen sie – staunende, mit Entsetzen gemischte Aufmerksamkeit zu erregen. So

sprach Bartsch selbst davon, daß in ihm ein Raubtier wohne, das nicht aufhören könne

zu morden.

 

Auch wenn Alice Miller meint, daß das Leben eines solchen Ungeheuers die konsequente

Folge seiner Kindheit sei – das Rätsel, wie aus dem »Goldkind« Jürgen ein Serienmörder

werden konnte, läßt sich auch aus seiner Biographie nicht befriedigend lösen. Keime sei-

ner sadistischen Triebe werden zwar hier und da sichtbar, wachsen aus einigen proble-

matischen sozialen Bedingungen, sind aber daraus allein nicht erklärbar.



Das Raubtier


 

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Jürgen ist unehelich 1946 in Essen geboren. Kurz nach seiner Geburt starb die Mutter an

Tuberkulose. Die Fleischersfrau Bartsch hatte das Kind in der Klinik gesehen und sich

sofort in den herzigen Jungen verliebt. Ihre Ehe war kinderlos. Sie und ihr Mann adop-

tierten Jürgen, er erhielt den Familiennamen Bartsch. Die Adoptiveltern erfüllten Jürgen

alle Wünsche. Die »Affenliebe« der Mutter glich eine gewisse Strenge des Vaters aus. Das

Hauptinteresse der Eltern galt dem Geschäft. Arbeit von früh bis nachts nahm ihre ganze

Kraft in Anspruch. Für das Kind blieb kaum Zeit. Deshalb nahm die Großmutter Jürgen

tagsüber auf.

 

Mit vier Jahren kam er in den Kindergarten, mit Beginn des fünften Schuljahres in ein

Heim, von dem aus er die Schule besuchte. Der Elfjährige litt unter dem Leben im Heim.

Er fühlte sich abgeschoben, ohne Zuhause. Mit zwölf schickten ihn die Eltern auf ein In-

ternat mit angegliederter Schule. Der freundliche, etwas schüchterne Junge hatte Heim-

weh. Seiner Lehrerin sagte er einmal, er vermisse die Mutter. Mehrmals verließ er heim-

lich das Internat und lief nach Langenberg zurück. Aber nun waren die Eltern auch noch

mit Hausbau beschäftigt und schickten ihn wieder ins Internat zurück. Mit vierzehn er-

krankte er schwer an einer Infektion, die die graue Rückenmarksubstanz, aber auch die

Hirnnerven befällt.

 

Die Krankheit schien ihn verändert zu haben. Er hatte keine Lust mehr zu lernen, hielt

sich meist für sich allein und litt zugleich unter seiner Einsamkeit. Er las viel, meist Aben-

teuerhefte. Da er sich für Waffen interessierte, schaffte er sich mehrere Schreckschußpi-

stolen an.

 

Schließlich hatten die Eltern ein Einsehen und nahmen ihn wieder zu sich. Wie auch

immer Krankheit und Pubertät das »Goldkind« innerlich verändert haben mochten, den

Eltern fiel es nicht auf. Jürgen hatte mit der achten Klasse die Schulzeit beendet, und

für den Vater war es selbstverständlich, daß Jürgen einmal das Geschäft übernahm. Der

Junge war auch bereit, eine Fleischerlehre zu beginnen, die er mit der Gesellenprüfung

abschloß. Während und nach Abschluß der Lehre arbeitete er im väterlichen Geschäft.

Da er das Schlachten der Tiere verabscheute, beschäftigte ihn der Vater im Laden als

Verkäufer. Jürgen war gegenüber der Kundschaft locker und fröhlich.

 

Niemand ahnte, daß der Siebzehnjährige schon längst ein düsteres Doppelleben führte

und in einer zerteilten Welt lebte. Die eine, die Welt der Eltern, die bieder-bürgerliche,

die gewinnorientierte, die familiäre, in der die Mutter den Neunzehnjährigen noch selber

badet – und die andere Welt, die Welt seiner Phantasien, in der er etwas sucht, was ihm

nach seiner Meinung das Leben bisher versagt hat, die Welt unerfüllter Wünsche, die seit

der Pubertät immer mehr sexuelle Gestalt angenommen hatten.

 

Nein, niemand ahnte, daß der Achtzehnjährige, der dem Essener »Magischen Zirkel«

als Mitglied angehörte und im Tanzkurs ein beliebter Tänzer war, nicht nur zahlreiche

Sexualverbrechen begangen, sondern schon mehrere Kinder ermordet hatte.



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4. Die Triebtäter


 

 

 

Bei den meisten Triebtätern sucht das existentielle Unbefriedigtsein Befriedigung in hy-

pertrophierter Sexualität. Sie ist der Lebensbereich, der Lust statt Frust, Macht statt Ohn-

macht, Selbstbestätigung statt Selbstzweifel zu bieten vermag – sofern der Sexualtrieb

sich hemmungslos durchsetzt. Triebtäter haben im allgemeinen keinen stärkeren Sexual-

trieb als andere Menschen auch. Ihre gewalttätige Sexualität erscheint meist als aggressi-

ve Rache für erlittene Demütigung. Diese Demütigung kann selbst sexueller Natur, kann

aber auch durch andere widrige Lebenserfahrungen bedingt sein. Bartsch wurde mit acht

Jahren von einem älteren Jungen sexuell mißbraucht. Von Anfang an zeigt sich die homo-

sexuelle Prägung seiner Sexualität. Mit vierzehn hatte er erste homosexuelle Beziehungen

zu Gleichaltrigen. Er bezahlte sie meist für ihre Dienste, das Geld stahl er aus der Laden-

kasse. Aber zur gleichen Zeit lockte er schon Jüngere in den Stollen, schlug sie, zwang sie

unter Drohungen zum Sex. Schließlich wurden die Morde zum Höhepunkt seiner sexuell

ausgerichteten Machtgier.

 

Läßt sich nun die sadistische Perversion seiner Sexualität als »logische Folge seiner Kind-

heit, als verzweifelter Ausweg aus seiner ausweglosen Situation« (Alice Miller) erklären?

Waren Bartschs Kindheit und Jugend ausweglos? Objektiv gesehen überhaupt nicht, im

Unterschied zu Tausenden anderer, die trotzdem nicht zu sadistischen Mördern wurden.

Auswegloser aber vielleicht für ein sensibles Kind, das ein geordnetes Zuhause, das die

Fürsorge der Mutter mehr braucht als andere, das stärker von Heimweh gequält wird,

das schwerer Kontakt zu anderen Kindern findet. Sind hier Verletzungen, Demütigun-

gen entstanden? Bartsch selbst behauptet es: »Es gibt wenige Eltern, die ihr Kind so sehr

liebten, so sehr ins Herz geschlossen haben. Doch die richtige, die helfende Liebe, die ein

Kind braucht, die konnten sie mir nicht geben.« Liegen hier die Wurzeln seiner Enttäu-

schung? Hat ihn die Einsamkeit im Internat zum Einzelgänger gemacht oder war umge-

kehrt die Einsamkeit die Folge seines Isolationsdranges? Hat die erste sexuelle Erfahrung

des Achtjährigen ein Trauma hinterlassen, das verdrängt wurde?

 

Bartsch hat sich dazu nicht geäußert. Hat ihn der Schlachterberuf verroht? Das ist schwer

vorstellbar, denn er brachte es nicht fertig, Tiere zu schlachten: »Sie blickten mich immer

so treuherzig an.«

 

Bartsch selbst machte Kindheit und Jugend nicht für seine Verbrechen verantwortlich:

»Auch nach einer langen Haftstrafe könnte ich meine abartige Veranlagung nicht ein-

dämmen.«

 

Er sieht sich als Opfer eines Zwanges, der ihn beherrschte, seine Taten als Zwangshand-

lung. Und bestätigt, was heute als das eigentliche Wesen sexuell ausgerichteter Serien-

mörder gilt: Ihre Taten sind in Mord umgesetzte Zwangsvorstellungen. Die Zwangs-

vorstellung ist ein beherrschender Bewußtseinsinhalt, so heißt es in Wahrigs Deutschem

Wörterbuch, der den an Zwangserscheinungen Leidenden gegen seinen Willen überwäl-

tigt. Und nach Eugen Bleulers Lehrbuch der Psychiatrie liegen Zwangsneurosen vor, wenn



Das Raubtier


 

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sich »dem Kranken wider seinen Willen, wie aus Zwang, gewisse Ideen, Antriebe. . .

aufdrängen.«

 

»Es hat bis heute nicht aufgehört«, schreibt Bartsch nach der Verhaftung seinen Eltern,

»es hat nicht aufgehört, der Drang, das Verlangen, das Begehren, das alles ist nach wie

vor da.«

 

Eine Zwangsvorstellung, die eine Zwangshandlung fordert, die wiederum neue Zwangs-

vorstellungen gebiert – dieser Teufelskreis hat sich nach Bartschs eigener Aussage in Jah-

ren herausgebildet, und zwar in der Pubertät. Seine Gewaltphantasien manifestierten

sich von Anfang an sexuell. Als der vierzehnjährige Jürgen Bartsch mit seinem Freund

Detlef aus dem Internat ausriß, um nach Hause zurückzukehren, liefen sie an einem

Bahndamm entlang. Bartsch spürte den Drang, zusammen mit Detlef zu onanieren, war

sich aber unsicher, ob der Freund zustimmen würde. Da verfiel er auf den Gedanken, ihn

vor den nächsten Zug zu stoßen und sich dann an der willenlosen Leiche sexuell zu be-

tätigen. Er setzte diese Vorstellung auch in die Tat um, doch Detlef konnte den tödlichen

Stoß auf die Gleise im letzten Augenblick abfangen.

 

Als nächstes begann Bartsch, kleinere Jungen zu schlagen und zu entblößen. Dabei emp-

fand er sexuelle Befriedigung. Der Konnex zwischen Gewalt und sexuellem Lustgewinn

war hergestellt. Da Wiederholung die Lust mindert, suchte Bartsch sie durch immer raf-

finiertere Brutalität zu steigern. Bartsch berichtete ungeschminkt, wie sich dieser Teu-

felskreis von Gewaltphantasie und Gewalttat verfestigte: »Ich hab immer noch die Höhle

zwischen. Ich will immer Kerzen mitnehmen, keine Taschenlampe. Das ist bei mir so wie

bei manchen Eheleuten, die brauchen rotes Licht. Das ist wegen der Stimmung. Außer-

dem sieht jemand, der ausgezogen ist, bei Taschenlampenlicht verhältnismäßig unappe-

titlicher aus als bei Kerzen. Ich würde das Kind ausziehen, mit Gewalt wieder, weil ich

es immer schön empfunden habe, das Kind selbst auszuziehen.

 

Es müßte schon schreien. Wenn ich es dann geschlagen hätte, würde ich es hinlegen,

schon eher hinschmeißen.

 

Ich würde mich heute auch dabei selbst ausziehen, dann würde ich onanieren. Es wä-

re mir lieber, wenn das Kind noch nicht s